Hallux Valgus: Fabian von Puttkamer erklärt Ursachen und Übungen

Hallux Valgus: Ursachen, Schuhe und Übungen für deinen großen Zeh

Hallux Valgus: Fabian von Puttkamer erklärt Ursachen und Übungen

Dein großer Zeh wandert immer weiter Richtung der anderen Zehen, am Großzehengrundgelenk bildet sich ein Ballen und Schuhe drücken? Dann hast du vermutlich schon von der Diagnose Hallux Valgus gehört. Der Hallux Valgus ist eine der häufigsten Fehlstellungen am Fuß überhaupt: Laut einer großen Übersichtsarbeit betrifft er etwa 23 % der Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren und rund 36 % der über 65-Jährigen, Frauen deutlich häufiger als Männer [1]. Die gute Nachricht vorweg: Er ist kein Schicksal, mit dem du dich einfach abfinden musst.

In diesem Artikel erkläre ich dir, was beim Hallux Valgus im Fuß passiert, warum ich die Schuhe für einen der wichtigsten Faktoren halte und was du selbst tun kannst.

Video: Hallux Valgus – das verrät dir kein Mediziner

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Was ist ein Hallux Valgus?

„Hallux“ ist der große Zeh, „valgus“ bedeutet nach innen gerichtet. Beim Hallux Valgus steht der große Zeh also schräg in Richtung der anderen Zehen. Medizinisch spricht man davon, wenn der Winkel mehr als etwa 15 Grad beträgt. Genau messen lässt sich das nur per Röntgenbild.

Wichtig zu verstehen: Der Hallux Valgus ist mehr als nur ein schiefer Zeh. Es ist eine dreidimensionale Fehlstellung des ersten Strahls, also des großen Zehs samt Mittelfußknochen. Wenn der Zeh nach innen gedrückt wird, weicht meist auch der Mittelfußknochen aus, und der ganze Fuß verdreht sich. Häufig entwickelt sich dabei gleichzeitig ein Knick-Senk-Spreizfuß.

Ist der Hallux Valgus vererbt?

Oft heißt es: „Das liegt bei uns in der Familie.“ Tatsächlich gibt es eine erbliche Komponente – Daten aus der Framingham-Fußstudie zeigen eine deutliche Erblichkeit [2]. Gene bestimmen aber vor allem die Anfälligkeit. Ob und wie stark sich ein Hallux Valgus entwickelt, hängt auch davon ab, was wir mit unseren Füßen tun. Und Familien teilen nicht nur ihre Gene, sondern meist auch ihre Schuh- und Bewegungsgewohnheiten.

Spannend sind Vergleiche zwischen barfuß lebenden und schuhtragenden Menschen: Schon 1905 beschrieb der Arzt Phil Hoffmann, dass sich die Füße barfuß lebender Menschen deutlich von denen schuhtragender unterscheiden [3]. Und eine Untersuchung aus Hongkong fand den Hallux Valgus bei Menschen, die keine Schuhe trugen, wesentlich seltener als bei Schuhträgern [4]. Frauen sind häufiger betroffen. Das kann unter anderem mit hormonell bedingt weicherem Bindegewebe und mit engerem Schuhwerk zu tun haben.

Warum Schuhe so eine große Rolle spielen

Mach einen einfachen Test: Nimm die Einlage oder Innensohle aus deinem Schuh und stell deinen Fuß darauf. Bei den meisten Menschen ist der Fuß vorne breiter als der Schuh. Und das gilt erst recht, wenn Gewicht auf dem Fuß lastet, denn dann wird er noch breiter.

Jedes Mal, wenn du auftrittst, will sich dein Vorfuß ausbreiten. Im engen Schuh kann er das nicht. Die Kraft verschwindet aber nicht einfach. Der große Zeh kann seine Aufgabe als Stütze beim Abrollen nicht mehr erfüllen und weicht nach innen aus. Viele Schuhe arbeiten mit Abrollhilfen und Dämpfung, um den Druck vom großen Zeh wegzunehmen. Das lindert Beschwerden, behebt aber nicht die Ursache.

Mein Verständnis: Nicht nur hohe oder spitze Schuhe sind das Problem, sondern grundsätzlich Schuhe, die dem Vorfuß keinen Platz lassen. Ein Hinweis darauf, dass eine Operation allein die Ursache nicht behebt: In einer randomisierten Studie zeigten 14 Jahre nach der OP rund drei Viertel der operierten Füße im Röntgenbild wieder eine Hallux-Valgus-Fehlstellung – unabhängig von der OP-Technik [5]. Erneut operiert werden musste allerdings kaum jemand.

Wie wird ein Hallux Valgus üblicherweise behandelt?

  • Schienen und Zehenspreizer, die den Zeh in eine gerade Position bringen sollen,
  • Einlagen, die den Vorfuß entlasten,
  • Physiotherapie mit Übungen,
  • und bei starken Beschwerden eine Operation (Umstellungsosteotomie).

Eine Operation kann kurzfristig Schmerzen nehmen und ist in manchen Fällen der richtige Weg. Ob sie für dich sinnvoll ist, entscheidest du gemeinsam mit deinem Arzt. Langfristig solltest du aber in jedem Fall an der Ursache arbeiten: an deinen Schuhen und an der Kraft und Beweglichkeit deines Fußes.

Was du selbst tun kannst

1. Schuhe mit Platz für deine Zehen

Der erste und wichtigste Schritt: Kauf keine Schuhe mehr, die deinen großen Zeh nach innen drücken. Der Schuh sollte vorne mindestens so breit sein wie dein belasteter Fuß. Viele Barfußschuhe sind eine Wohltat, achte aber darauf, dass sie sich wirklich an der natürlichen Fußform orientieren. Bei Sandalen sind Modelle mit Fersenriemen besser als Flip-Flops, weil die Zehen sonst ständig festhalten müssen.

Wichtig bei starkem Hallux Valgus: Steig nicht von heute auf morgen auf Barfußschuhe um. Barfußschuhe geben die Kräfte vom Boden direkt an den Fuß weiter. Wenn dein großer Zeh noch nicht kräftig ist und sich nicht aufrichten kann, belastest du das Gelenk sonst noch stärker. Gehe den Umstieg langsam an. Mehr dazu in Barfußschuhe vs. Laufschuhe.

2. Deinen Fuß und den großen Zeh trainieren

Dein großer Zeh muss wieder lernen, beim Abrollen Kraft aufzunehmen. Dass Fußmuskeln auf Training und mehr Bewegungsfreiheit reagieren, ist gut belegt: In einer randomisierten Studie wurden die Fußmuskeln nach acht Wochen sowohl durch gezielte Übungen als auch durch schrittweises Gehen in Minimalschuhen messbar kräftiger [6]. Zum Training gehören:

  • Zehen bewegen lernen (zum Beispiel „Toega“: großen Zeh und kleine Zehen getrennt voneinander heben und senken),
  • Zehen spreizen, damit der Fuß wirklich breit werden kann,
  • Druck über den großen Zeh aufbauen und kontrolliert abrollen, bis hoch auf den Großzehenballen.

Die Übungen aus meinen Fuß-Workshops kannst du hier mitmachen:

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3. Geduld und gezielte Reize bei starker Fehlstellung

Ab einem gewissen Winkel ziehen die Muskeln, die den großen Zeh eigentlich nach außen bewegen sollen, nicht mehr in die richtige Richtung, sondern verstärken die Fehlstellung sogar. Dann wird es schwieriger. Zehenspreizer und gegebenenfalls eine Hallux-Schiene können hier sinnvoll ergänzen, damit Gelenk und Gewebe wieder einen Reiz in die natürliche Richtung bekommen.

Trotzdem habe ich bei Kunden auch mit deutlich ausgeprägtem Hallux Valgus erlebt, dass Training und Mobilisation spürbar geholfen haben. Der Knochen verändert sich nicht über Nacht, aber Beschwerden und Funktion lassen sich oft deutlich verbessern.

Häufige Fragen

Kann ein Hallux Valgus wieder gerade werden?

Eine starke knöcherne Fehlstellung lässt sich durch Training meist nicht komplett zurückbilden. Was sich aber fast immer verbessern lässt, sind Beweglichkeit, Kraft und Schmerzen. Und je früher du anfängst, desto besser.

Helfen Zehenspreizer?

Als Ergänzung ja, vor allem bei stärkerer Fehlstellung. Sie ersetzen aber weder passende Schuhe noch aktives Training.

Sollte ich mich operieren lassen?

Das kann nur dein Arzt mit dir gemeinsam entscheiden. Wenn du dich für eine OP entscheidest, lohnt es sich trotzdem, danach an Schuhwerk und Fußkraft zu arbeiten, damit das Problem nicht wiederkommt.

Wo finde ich Therapeuten, die sich mit Füßen auskennen?

Fachleute mit Schwerpunkt funktionelle Fußtherapie findest du zum Beispiel über die Deutsche Gesellschaft für funktionelle Fußtherapie. Oder du meldest dich bei mir.

Du brauchst Unterstützung?

Ich stelle keine Diagnosen, aber ich schaue mir gerne mit dir an, wie dein großer Zeh und dein Fuß arbeiten, und wir entwickeln einen Plan, der zu dir passt.

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Quellen

  1. Nix S., Smith M., Vicenzino B. (2010): Prevalence of hallux valgus in the general population: a systematic review and meta-analysis. Journal of Foot and Ankle Research 3, 21. doi.org/10.1186/1757-1146-3-21
  2. Hannan M. T. et al. (2013): High heritability of hallux valgus and lesser toe deformities in adult men and women. Arthritis Care & Research 65(9), 1515–1521. doi.org/10.1002/acr.22040
  3. Hoffmann P. (1905): Conclusions drawn from a comparative study of the feet of barefooted and shoe-wearing peoples. American Journal of Orthopedic Surgery 3, 105–136. Zusammenfassung
  4. Sim-Fook L., Hodgson A. R. (1958): A comparison of foot forms among the non-shoe and shoe-wearing Chinese population. Journal of Bone and Joint Surgery (Am.) 40-A(5), 1058–1062. PubMed
  5. Jeuken R. M. et al. (2016): Long-term Follow-up of a Randomized Controlled Trial Comparing Scarf to Chevron Osteotomy in Hallux Valgus Correction. Foot & Ankle International 37(7), 687–695. doi.org/10.1177/1071100716639574
  6. Ridge S. T. et al. (2019): Walking in Minimalist Shoes Is Effective for Strengthening Foot Muscles. Medicine & Science in Sports & Exercise 51(1), 104–113. doi.org/10.1249/MSS.0000000000001751

Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei starken oder anhaltenden Schmerzen lass deine Beschwerden bitte ärztlich abklären.

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